Idylle und Irritation

Isabelle Gabrijel

Seit sie irgendwann in den 80er Jahren irgendwo in den Weiten des Mittleren Westens einen Plastikdinosaurier kaufte und ihn für die Weiterfahrt auf dem Pan American Highway auf dem Armaturenbrett ihres Chevrolets platzierte – sehr zum Amusement der Highwaycops – sammelt Isabelle Gabrijel Spielzeugfiguren aller Farben und Formen. Über die Jahre sind auf Flohmärkten und auf ihren Reisen weit über 10.000 schrullige, verrückte, klassische, nostalgische, bekannte und unbekannte Figuren aus der ganzen Welt zusammengekommen, die in ihrem künstlerischen Werk Hauptrollen spielen.

Funktional und emotional längst abgehakt und der Vergangenheit überantwortet, kommen die Kindheitsbegleiter anonymer Vorbesitzer bei Isabelle Gabrijel zu einem neuen Auftritt. Sie bringt sie in neuen Kombinationen zusammen und baut mit Bildmaterial humorvolle und hintersinnige Szenen, die sie anschließend analog, bei Tageslicht und ohne jegliche Postproduction fotografiert und großformatig aufzieht.

Rettung vor der Idylle

Ein maskierter Superheld posiert sichessicher und mit Gummihandschuhen für alle häuslichen Eventualitäten bestens ausgerüstet vor einem Blumenmotiv, das ihn wie ein Heiligenschein krönt. Vielleicht feuert er von seiner bequemen Warte aus auch seine Teamkollegin an, die an der Frontline seinen Job erledigt und mit Jogginganzug und perfekt sitzender Frisur soeben ein Kind gerettet hat – von nichts, ausser zu viel Idylle vielleicht.

Der süssliche Kitsch der Figuren wird in den Fotografien ironisch-herb gebrochen, ihre nichtssagende Unschuld verkehrt sich zur erzählenden Tragikomödie. Das Kleine und Vergessene wird durch die unverhoffte Wiedergeburt, die neuen Bildwelten, in denen es nun wieder leben darf, und nicht zuletzt durch das Tableau-Format mit verstärkter Bedeutung aufgeladen. Es ist kein schönes Spielzeug mit perfektem Äusseren, sondern es sind lädierte Veteranen mit Historie.

Der emotionale Wert, der für ein Kind an sein Spielzeug gekoppelt ist, wird hier durch einen philosophischen Wert ersetzt, der unsere Vorstellungen der Zeit hinterfragt. Das Ende ist nie einfach nur ein Ende, sondern gleichzeitig auch ein Anfang – es kommt immer etwas Neues, oft Unerwartetes. Gerade die kleinen Dinge im Leben können manchmal viel Bedeutung haben. Es ist, wie so oft, eine Frage der Perspektive und des Kontextes, diese zu sehen.

Isabelle Gabrijel, 1965 in Basel geboren, studierte Architektur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und Kulturmanagement an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Mit den Schwerpunkten Fotografie, Installation und Konzeptkunst ist sie seit Ende der 90er Jahre künstlerisch aktiv, wobei die ersten Schlüsselwerke im Wirkungskreis der Zürcher Technoszene entstanden. Das Sammeln und Inszenieren von Objekten und Bildmaterial sind zentrale Faktoren in ihrem Werk. Ihre künstlerischen Konzepte inszenieren Objekt, Bild und Raum auf die für sie typische pointierte und mehrdeutige Art.

Kristina von Bülow